Erzähltheorie

Erzähltheorie – eine Einführung

Ideen zum Verständnis der Erzählperspektiven

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In der Literaturwissenschaft und der Germanistik wird heute die Erzähltheorie favorisiert, die sich an den Begriffen Gérard Genettes orientiert. Im Deutschunterricht der Oberstufe wird hingegen meist noch die inzwischen als überholt geltende, weil unterkomplexe Erzähltheorie Franz K. Stanzels verwendet. Das zeigt schon ein Blick in die aktuellen Deutschlehrbücher der Oberstufe. Auf dieser Seite wird die Begrifflichkeit Gérard Genettes erläutert; in der Sektion ‚Internetadressen‘ werden einige Seiten vorgestellt, auf denen diese Theorie beschrieben wird. Literatur findet man unten auf dieser Seite. Wie man die hier vorgestellten Begriffe für eine Interpretation gewinnbringend einsetzen kann, zeigt Markus Hengelhaupt in einem Aufsatz auf seiner Website: Interpretation von Georg Heyms Erzählung ‚Der Irre‘.

Grundlage

Der Autor erfindet einen Erzähler, der dem Leser die Erzählung präsentiert. Um diesen Erzähler zu verstehen, unterscheidet Gérard Genette mehrere Fragen:

  1. Wer sieht? Oder: Aus welcher Sicht wird das erzählte Geschehen dargestellt? Der Begriff hierfür ist derjenige des Blickes. Hier kommt die Fokalisierung ins Spiel. Der Fokus kann in drei Weisen organisiert sein:
    • Bei der Null-Fokalisierung kennt der Erzähler mehr als nur die Perspektive einer Figur. Dies entspricht dem auktorialen Erzähler.
    • Bei der internen Fokalisierung kennt der Erzähler die Sicht und die Gedanken einer einzigen Figur. Es kann sich hier um einen Erzähler der 1. oder der 3. Person handeln.
    • Bei der externen Fokalisierung kennt der Erzähler das Innenleben keiner einzigen Figur. Er funktioniert wie eine Kamera, die alles von außen sieht. Dieser Fall kommt selten vor; Beispiel: Helga M. Novaks Kurzgeschichte ‚Schlittenfahren.‘
  2. Wer erzählt? Der hier verwendete Begriff ist derjenige der Stimme. Es geht hier zum einen um die Unterscheidung zwischen der Erzählung der 1. und der 3. Person und um die Frage, wie und ob der Erzähler in der erzählten Welt vorkommt. Das ist die Diegese. Es gibt drei Formen der Diegese:
    • Ist der Erzähler Teil der erzählten Welt, so spricht man von einem homodiegetischen
      Erzähler
      ,
    • …ist er nicht nur Teil der erzählten Welt, sondern auch noch die Hauptfigur der Geschichte, so
      verwendet man die Bezeichnung autodiegetischer Erzähler. Beispiel: Walter Faber in Max Frischs ‚Homo faber“; der Ich-Erzähler in Josef von Eichendorffs Roman ‚Aus dem Leben eines Taugenichts‘, der bekanntlich mit diesem Satz beginnt:

      Das Rad an meines Vaters Mühle brauste und rauschte schon wieder recht lustig…

      Das Possessivpronomen ‚mein‘ zeigt dem Leser sogleich die Erzählerposition an.

    • …ist er kein Teil der erzählten Welt, so spricht man von einem heterodiegetischen
      Erzähler
      Beispiel: eine Mutter oder ein Vater, die/der dem Kind abends eine Gutenachtgeschichte vom kleinen Frosch erzählt.Diese drei Begriffe sind zwar recht ungewöhnlich, aber sie schaffen Klarheit. Zum anderen ist hier die Ebene der Erzählung angesprochen. Bei einer Binnenerzählung spricht Genette von einer metadiegetischen Erzählung.

     

  3. Ein weiterer Aspekt ist die Zeitstruktur der Erzählung (vgl. zum Folgenden Martinez / Scheffel S. 69 ff. und 119 ff.). Hier ist das Verhältnis des Zeitpunkts des Erzählvorgangs zum Zeitpunkt der erzählten Handlung zu beachten, es kann also gefragt werden: Wann wird erzählt, und wann spielt sich die erzählte Handlung in der erzählten Welt ab? Dieser Punkt ist bei jeder Analyse eines narrativen (erzählenden) Textes zu beachten, weil…
    • …die Abfolge der Ereignisse ein wesentlicher Aspekt der Erzählung ist (Bringt man sie durcheinander, dann wird die Geschichte unlogisch)
    • …die Haltung des Erzählers zur erzählten Handlung wesentlich für die Erzählung ist, nicht nur, aber besonders bei Erzählern in der 1. Person Singular (Ich-Erzähler). So werden z.B. in Max Frischs Roman ‚Homo Faber‘ zwei unterschiedliche Zeitpunkte angegeben, an denen der Erzähler von den zurückliegenden Ereignissen erzählt: Die ‚Erste Station‘ (Datumsangabe: S. 160) und die ‚Zweite Station‘ (Datumsangabe: S. 161; weitere Hinweise auf das Datum auf den folgenden Seiten; Quelle: Max Frisch: Homo faber. Ein Bericht, 2. Aufl. Frankfurt am Main 1977).

    Der Erzähler kann theoretisch drei Standpunkte zur erzählten Geschichte einnehmen: Er erzählt entweder Vergangenes, gleichzeitig sich Abspielendes oder Zukünftiges. In den meisten Erzählungen wird retrospektiv erzählt, d.h. es wird Vergangenes dargestellt.

    Wer eine Erzählung liest, nimmt zugleich Gegenwärtiges und Vergangenes wahr: Die Handlung wird einerseits aufgenommen, als liefe sie gleichzeitig ab, aber zugleich ergibt sich der Sinn der Handlung nur dadurch, dass sie beim Vorgang des Erzählens bereits abgeschlossen ist.

Zur Zeitstruktur der Erzählung siehe auch die Interpretation von Georg Heyms Erzählung ‚Der Irre‘ auf der Website von Markus Hengelhaupt.

Literatur

Matias Martinez / Michael Scheffel: Einführung in die Erzähltheorie, 8. Aufl. München 2009

Dieses Buch ist eine gut geeignete und klar lesbare Einführung in das Thema; Genettes Theorie ist hier wesentlich leichter erschließbar als im folgenden Werk des Theoretikers: 
Gérard Genette: Die Erzählung, 3. Aufl. München 2010

Albrecht Koschorke: Wahrheit und Erfindung. Grundzüge einer allgemeinen Erzähltheorie,
Frankfurt am Main 2012

Matias Martinez (Hg.): Handbuch Erzählliteratur. Theorie, Analyse, Geschichte. Stuttgart [u. a.] 2011′

Internetadressen zur Erzähltheorie

Folgende Internetseiten können für eine Einführung in die Erzähltheorie empfohlen
werden:

Zuletzt überprüft im Oktober 2017.