Neue Medien im altsprachlichen Unterricht
Überarbeitetes Manuskript des Vortrags, der von Tilman Bechthold-Hengelhaupt im April 98 beim
Kongress des Deutschen Altphilologenverbandes (DAV) in Heidelberg gehalten wurde
Neue Medien im altsprachlichen Unterricht - Es sind drei Perspektiven, unter
denen ich dieses Thema erörtern möchte. Zum einen werde ich eine Methode
vorstellen, die ich seit etwa eineinhalb Jahren in meinem Unterricht erprobe,
und zwar von der 7. Klasse bis zum Leistungskurs. Man sollte sich aber, und das
führt zu beiden anderen Perspektiven, wenn man eine neue Methode einführt,
über die Motive, die dieses Untenehmen anleiten, im Klaren sein.
Ihren Sinn erhalten meine Versuche im Kontext dessen, was man allgemein als Schulreform
bezeichnen könnte. Ich bitte Sie daher um Nachsicht, wenn ich Sie ein wenig
auf die Ebene der Theorie entführe. Schulreform heißt für mich, dass die
Schule überkommene starre und hierarchische Muster überwindet, dass sie
Wirklichkeitsbezug wiedergewinnt und den Schülern mehr Raum bietet,
selbstverantwortetes und selbständiges Handeln einzuüben. Vielleicht möchte
der eine oder andere von Ihnen jetzt, mit Worten, die wir in einem der gestern
vorgetragenen Grußworte hören konnten, einwenden: "Haben Sie's nicht ein
bisschen kleiner?" Ja und nein. Moderne, so meint zumindest der Soziologe
Anthony Giddens, bestimmt sich in erster Linie durch Selbstreflexion, (1) und eine moderne Schule ist daher
eine Schule, die sich der Antrengung unterzieht, ihr Tun zu reflektieren. Ich
verweise hier weiter auf einen Gedanken, der in dem Vortrag angeklungen ist, den
Heinz-Elmar Tenorth gestern auf diesem Kongress gehalten hat, dass wir nämlich
permanent mit dem Verlust alter Selbstverständlichkeiten zurechtkommen müssen.
Die dritte Perspektive ergibt sich aus der Frage, ob der der Computer überhaupt
an die Schule und gar in den Lateinunterricht gehört.
Ich bin mir sicher, dass der Computer ein Medium ist, das sehr wohl dafür
geeignet ist, nicht nur stärker, als dies bisher üblich ist, in der Schule
insgesamt, sondern gerade im Lateinunterricht eingesetzt zu werden.
Ich selbst unterrichte etwa ein Drittel meiner Lateinstunden mit dem Einsatz
von Computern. Ich tue dies, weil ich erstens meine und durch meine
Beobachtungen darin bestärkt zu werden glaube, dass nämlich der
Lateinunterricht durch diese neue Methode eine Bereicherung erführt, die den
Schülern zugute kommt, und weil ich zweitens annehme, dass es die Aufgabe nicht
einzelner dafür vorgesehener Fächer, sondern jeden Faches und damit der Schule
insgesamt ist, die Schüler an die neuen Medien heranzuführen und zu einem
sinnvollen und reflektierten Umgang mit ihnen zu befähigen. Ich verwende den
Computer allerdings nicht zuletzt deswegen, weil meine Schülerinnen und
Schüler mir immer wieder klarmachen, dass ihnen diese Arbeitsform Spass macht,
und oft mit Nachdruck fordern, sie möchten einmal wieder in den Computerraum
gehen. Sofern die technischen Voraussetzungen in einer Schule gegeben sind,
sollte der Unterricht am Computer zu einem selbstverständlichen Bestandteil
jeden Lateinunterrichts werden. Dabei möchte ich gleich zu Anfang betonen, dass
ich dort, wo ich von den Chancen für den täglichen Unterricht ausgehe, immer
nur die Wege vor Auge habe, die ich selbst erprobt habe; die Entwicklung einer
auf die Arbeit am Computer zugeschnittenen Didaktik steht erst am Anfang, und
ich bin sicher und weiß, dass mehr und anderes möglich ist als das, wovon ich
hier berichte.
Wenn der Lateinunterricht durch diese Erweiterung der Methoden für Schüler und
Eltern attraktiver wird, so ist das ein durchaus erwünschter Nebeneffekt.
Praktische Möglichkeiten
Damit Sie ein Bild von der alltäglichen Schulwirklichkeit bekommen, von der ich
rede, möchte ich zunächst skizzieren, wie eine Unterrichtsstunde, die ich im
Computerraum meiner Schule abhalte.
1. Grammatikarbeit
Die Ausführungen über die Grammatikarbeit sind derzeit aus dieser Datei
ausgelagert, da der Verweis auf eine Excel-Datei nicht funktionierte. Wenn
dieses Problem behoben ist, wird diese Seite entsprechend aktualisiert.
übersetzung Die übersetzungsstunden sehen z.B. so aus, dass die Schüler eine
Diskette bekommen, zu zweit am Computer arbeiten und einen lateinischen Text ins
Deutsche übertragen, nachdem sie den Satzbau zuerst grafisch strukturiert
haben. Sie arbeiten dann selbständig an der übersetzung. Ich als Lehrer
überprüfe also nicht die übersetzungsmethode und kann auch die
Geschwindigkeit kaum überprüfen; es ist vielmehr so, dass jedes Paar nach
seiner eigenen Geschwindigkeit arbeitet. Der Lehrer ist also gefordert, einiges
von der Kontrolle abzugeben, die ihm die traditionellen Methoden gewähren. Je
nachdem wie gut die Ausrüstung der Schule ist, kann er den Schülern z.B. über
ein ein Netzwerk auch eine größere Menge von Texten bereitstellen, aus denen
diese dann auswählen können Sie sehen hier bereits, dass man auch mit sehr
schlichten technischen Mitteln und praktisch ohne finanziellen Aufwand, der etwa
für den Ankauf von Lernprogramme betrieben werden müsste, in diesem Sinne
arbeiten kann. Wie man die Texte, die im HTML-Format vorliegen, umformen kann,
das habe ich in meinem Aufsatz "Computer im
Lateinunterricht" beschrieben.
Computer in die Schule?
Zunächst geht es mir aber darum zu zeigen, warum der Einsatz von Computern im
Lateinunterricht sinnvoll ist. Dabei erscheint mir als die übergeordnete Frage
aber die, ob der Computer überhaupt in der Schule eingesetzt werden sollte,
denn wenn diese Frage verneint wird, dann erübrigt sich die Frage nach dem
Lateinunterricht; darüber hinaus behaupte ich aber, dass gerade der
Lateinunterricht aus verschiedenen Gründen im besonderen Maße auf die neuen
Informationstechnologien zurückgreifen sollte, ja dass Latein als Fach unter
bestimmten Umständen dafür prädestiniert sein kann, dem Fach Deutsch die
Stellung des sogenannten Leitfaches bei der Einführung und Erprobung neuer
Medien, etwa im Zusammenhang mit dem in Baden-Württtemberg ab dem kommenden
Schuljahr neu eingeführten Seminarfach streitig zu machen.
Die verschiedenen Positionen zum Computer in der Schule
Bereits 1988 hat der Erziehungswissenschaftler Harm Paschen eine vergleichende
Übersicht über die Argumente vorgelegt, die in pädagogischen Publikationen
für und gegen den Computer in der Schule angeführt werden
(2).
Er konstatierte eine starre Frontstellung von Befürwortern und
Gegnern, die die Argumente der jeweiligen Gegenseite in zu geringem Maß
berücksichtigen, und er bemängelt, dass genuin pädagogische Argumente ein zu
geringes Gewicht zugemessen bekommen. Der Eindruck ist nicht unbegründet, dass
diese Positionen unter spezifischen Veränderungen auch heute noch fortbestehen,
und zwar sowohl bei denen, die sich theoretisch und politisch mit der Schule
beschäftigen, als auch in den Schulen, bei den einzelnen Kolleginnen und
Kollegen. Die schon bei Paschen konstatierte von Euphorie auf der einen Seite
und schroffer Ablehnung auf der anderen wurde durch den Siegeszug des Internet
eher verstärkt. Es finden sich inzwischen allerdings vielfältige
Zwischenstufen. Diejenige, die ich am häufigsten beobachte, ist eine gewisse
Indifferenz. Man könnte ja meinen, die Frage, ob Schulen sich der
Informationstechnologie öffnen sollten, habe sich damit erübrigt, dass immer
mehr Schulen den Weg ans Netz finden. Aber hier trägt der Schein. Dass es
bereits viele Schulen gibt, die z.T. wirklich beachtliche Internet-Seiten
vorzuweisen haben, sagt nichts über den Einsatz von Computern oder sogar des
Internet im Schulalltag aus.
Schule ist in erster Linie Unterricht, und solange der Computer nicht im
Unterricht angekommen ist, muss man befürchten, dass die mittlerweile doch
beachtlichen Investitionen in den Sand gesetzt sind. Viele Lehrer sehen sich
einfach außerstande, die Kenntnisse und Fähigkeiten zu erwerben, die nötig
sind, damit eine Schulklasse einigermaßen effektiv Texte am Computer bearbeiten
oder sich mit interaktiven Programmen beschäftigen kann. Die Kollegen sollten
auf alle Weise ermutigt werden, sich so fortzubilden, dass sie in die Lage
versetzt werden, selbst Erfahrungen mit dem Computer als Unterichtsmedium zu
sammeln.
Eine andere sozusagen mittlere Position ist die, welche die moderne
Informationstechnologie ausschließlich in den dafür vorgesehenen Fächern der
Mittelstufe einsetzen möchte, weil es nicht die Aufgabe der Schule sei, auf
alle Neuerungen im Übermaß zu reagieren. Diese Position wird z.B. von
Heinz-Elmar Tenorth vertreten, der schreibt, dass es nicht notwendig sei,
"alle Heranwachsenden zu kleinen Programmierern auszubilden"
(3) ;
vielmehr zeige die Analogie zum Rechtswesen -
man bildet die Schüler trotz der allgemeinen Tendenz zur Verrechtlichung auch
nicht in Rechtsfragen aus - dass wichtige gesellschaftliche Fragen nicht immer
von der Schule aufgegriffen werden. Ich würde hier einwenden, dass die Schule
und speziell der Lateinunterricht im Wesentlichen nichts Neues unternimmt, wenn
Medienkompetenz zum Lernziel erhoben wird, sondern dass man das Alte nur in
neuer und unter veränderten Bedingungen reflektierter Weise weiterentwickelt.
Altphilologen waren sich immer schon bewusst, dass Texte nicht einfach naiv
gegeben sind, sondern dass vielmehr die materielle Seite der Texte im
Zusammenhang der überlieferungsgeschichte ein Problem ist, das Aufmerksamkeit
verdient.
Es gibt aber auch immer noch die vollständige und kompromisslose Ablehnung der
Verwendung von Computern in der Schule. Sie stützt sich auf eine bestimmte
Interpretation des Bildungsbegriffs, der mir von vier Elementen bestimmt zu sein
scheint. Es gehört dazu die Abwertung des Neuen und der Jugend, die oft
pauschal als "barbarisch" bezeichnet wird, zum zweiten, dass man
bestimmte Medien, nämlich die auf Papier, damit also materiell fixierten Medien
gegen einen möglichen Einfluss neuer, schwer überschaubarer und tendenziell
unkontrollierbarer digitaler Medien verteidigt, und zum dritten, so scheint mir,
gehört zu diesem Dispositiv traditioneller Bildung der Kampf für bestimmte
institutionelle Hierarchien, zum vierten aber auch die Annahme, die es gebe eine
geistige und eine technische Kultur und die erstere sei prinzipiell höherwertig
als die technische. Dieser Gedankengang kann hier nicht im einzelnen entfaltet
werden; es geht mir aber darum zu zeigen, dass es bei der Frage, ob der Computer
im Lateinunterricht eingesetzt werden sollte, um mehr geht als um eine
zweitrangige Methodenfrage. Zunächst ist der Lateinunterricht, so meine ich,
schlecht beraten, wenn er sein Heil in einer Art von widerständiger
Rückständigkeit sucht. Der Gegensatz zwischen der Trias Tradition, Kultur und
Buch auf der einen, der Trias (Post-)Moderne, Verfall der Bildung und Computer
auf der anderen ist ein irreführendes Konstrukt. Die Situation ist wesentlich
komplizierter. Hier sei nur soviel bemerkt: Wenn die hermeneutische Aufgabe
darin besteht, die Tradition immer neu in den Horizont der Gegenwart ind damit
auch in ihre Denkformen zu übersetzen, so ist nicht plausibel zu machen, warum
diese Tradition zerstört wird, wenn sie in den technischen Formen der Moderne
erscheint; eine derart absolute Scheidung von Geist und Technik ist nicht
haltbar.
Es ist dem Medientheoretiker Mike Sandbothe zuzustimmen, wenn er in einem 1998
im Internet veröffentlichten Aufsatz
(4) sagt, dass
"für die heranwachsenden Generationen ...eine gezielte Ausbildung in
internetspezifischer Medienkompetenz ein zentrales bildungspolitisches
Desiderat" ist, damit die Schüler mit der für die Arbeitsmärkte der
Zukunft nötigen Medienkompetenz ausgerüstet werden, dass es aber anderseits
genau daran in Deutschland erheblich mangele. Ich bin mir nicht sicher, ob ein
erheblicher Prozentsatz der Schüler in absehbarer Zeit während der
Lateinstunden im Internet recherchieren können; es gibt hierfür, was z.B. die
Realienkunde angeht, im Moment einfach zu wenig brauchbares Material in
deutscher Sprache. Aber unbestreitbar kann der Lateinunterricht seinen Teil dazu
beitragen, dass die Schüler lernen, wie sie Medien, gerade auch komplexe neue
Medien wie das Internet vernünftig, d.h. zielerichtet einsetzen. Die geistigen
Formen, die die Idee der Schulreform und die Struktur der neuen Medien, speziell
des Internet bestimmen, treffen sich darin, dass nicht Hierarchien das
wesentliche Strukturprinzip ausmachen, sondern netzartige Gebilde, die eine
allseitige und nicht eine zentral gelenkte Kommunikation erfordern und
ermöglichen.
Das gilt dann in bestimmter Weise auch für den Lateinunterricht. Den Wert
altsprachlichen Unterrichts kann nur der vertreten und propagieren, der animmt,
dass in den Gedanken der klassischen Autoren, etwa im Somnium Scipionis oder in
den Oden des Horaz Gehalte aufgehoben sind, die uns heute unbedingt etwas
angehen. Aber er tut seiner Sache keinen Dienst, wenn er behauptet, man müsse
mit den geistigen Traditionen auch die traditionellen Hierarchien im Unterricht
aufrechterhalten. Wenn sich bei allen neuen Arbeitsformen hierarchische Gefälle
verschieben, so ist das als Gewinn zu werten.
über den Nutzen des Internet für die klassische Philologie als Wissenschaft
möchte ich hier nicht viel sagen, da ich als Lehrer und Schulpraktiker spreche.
Ich beziehe meine Texte, sofern ich sie nicht selbst schreibe und abtippe,
ausschließlich aus dem Internet. Auf meiner Homepage finden Sie eine Linkliste, die Sie zu vielen wichtigen Texten der
lateinischen Literatur führt. Die weitaus meisten Links verbinden Sie aber zu
amerikanischen Rechnern - ich bin also in der peinlichen Situation, mich für
meine Arbeit zu einem großen Teil auf den Fleiß amerikanischer Altphilologen
verlassen zu müssen.
An den Fachbereichen für klassische Philologie in Deutschland herrscht offenbar
keine große Wertschätzung für das Internet. Zum einen kann man diesen
Eindruck gewinnen, wenn man die Internet-Seiten der Institute für klassische
Philologie ansieht; von einigen Ausnahmen abgesehen, allen voran natürlich die
Kirke-Seiten der Universität Erlangen, aber auch die Seiten des Fachbereichs
für Didaktik der alten Sprachen in München, findet man hier nicht sehr viel,
das für den Lateinlehrer, der das Internet als Medium für die Schule nutzen
möchte, von Nutzen wäre. Die Verfasser einer neuere Informations-Seite zur
klassischen Antike behaupten gar: "Die Redakteure dieser Seite kennen sogar
ein renommiertes Institut für Klassische Philologie in Deutschland, an dem
Internet-Aktivitäten rigoros bekämpft werden. (sic!)"(5)
für den Schulpraktiker ist diese Abstinzenz der Universitäten nicht ohne
Bedeutung. So wie man ja auch im Lektüreunterricht meist kommentierte und für
den Schulgebrauch aufbereitete Ausgaben einsetzen wird, so benötigen auch die
Schüler, die am Computer übersetzen, in aller Regel kommentierte elektronische
Texte. Das ist bei dieser Unterrichtsform noch wichtiger als im herkömmlichen
Lektüreunterricht. Wie derartige kommentierte Seiten aussehen können, das
zeigt vorbildlich das Herausgeberteam der Seiten "De feminis Romanis"
der University of Kentucky. (http://www.uky.edu/
ArtsSciences/Classics/dfr-title.html)
Zur Didaktik
Zur Didaktik Ich möchte noch auf einige im engeren Sinne didaktische
Begründungen für den Einsatz des Computers zu sprechen kommen, die unmittelbar
an das Thema der Medienkompetenz anschließen. Die Schüler beginnen ihre
übersetzungsarbeit damit, dass sie den Text grafisch umgestalten. Sie können
mehr tun als ihn nur zu unterstreichen, sie können einzelne Textblöcke
ausblenden, verschieben oder einrücken, z.B. um Nebensätze von Hauptsätzen zu
unterscheiden. Unterstreichen kann man zwar auch auf Papier, aber, und hier
kommt ein weiteres Argument ins Spiel, man kann eine einmal vorgenommene
Änderung an einem Text kaum ohne Spuren zu hinterlassen wieder rückgängig
machen. Bei der Arbeit am Computer sind Ergebnisse nie für immer fixiert. Jede
Änderung an einem Text kann wieder rückgängig gemacht werden, wie überhaupt
das, was vom Standpunkt des Lehrers aus als Fehler erscheinen mag, vom Schüler
nicht als Fehler gesehen zu werden braucht, sondern als Zwischenstufe auf dem
Weg zu einer sinnvollen Lösung. Ähnliches gilt natürlich auch für die
eigentliche übersetzungsarbeit. Die Schüler sollen ihre Ergebnisse immer
festhalten, und mein Eindruck ist, dass ich als Lehrer sie dazu besonders
ermutigen muss, da sie es gewohnt sind, nur die Ergebnisse aufzuschreiben, deren
sie sich sicher sind. Es ist nun aber gerade möglich, mehrere Lösungen zu
notieren und dann die beste auszuwählen oder Teile eines Satzes in einzelnen
Absätzen zu übersetzen und daraus dann am Ende eine zusammenhängende
übersetzung anzufertigen, z.B. indem die Fragmente per drag&drop in die
gewünschte Ordnung gebracht werden.
Der Lehrer gibt auf diese Weise die Oberhoheit über die Methode auf. Einige
Schüler mögen auf dem Weg fortschreiten, den sie im Unterricht gelernt haben,
andere probieren neue Wege aus, indem sie z.B. zuerst die Teile einer längeren
Periode übersetzen, die sie auf Anhieb verstehen, um dann die schwierigeren
Passagen nachträglich einzufügen. Ich habe die Beobachtung gemacht, dass
manchmal gerade die schwächeren Schüler die neugewonnene Freiheit nutzen und
den digitalen Speichern des Computers die Aufgabe überlassen, sich die
Fragmente einer vorläufigen übersetzung zu "merken". Eine
Schwierigkeit beim übesetzen längerer perioden besteht ja darin, dass der
übersetende sich alle Elemente eines Satzes im Bewusstsein halten und sie
gleichzeitig integrieren muss. Der Computer kann diese Aufgabe nicht lösen,
aber den Schülern helfen, indem er es möglich macht, dass diese sich auf die
zentrale und eigentlich intelligente Leistung, die Integration, konzentieren,
ohne dass sie alle Elemente des Satzes in der Erinnerung präsent zu haben
brauchen. Der Computer funktioniert also als Auslagerung des Gedächtnisses. Was
zählt, ist dann nur das Endergebnis. Ich verzichte in den Stunden, die ich am
Computer unterrichte, bisher weitgehend darauf, die Ergebnisse zu benoten, zumal
sich die Leistungen ja nicht einem einzelnen Schüler zuordnen lassen. Der
Computer hilft so dabei, eine pathologische Seite der Schule zu überwinden,
die, wir ahnen es manchmal, auch zur déformation professionelle des
Lehrerberufs beiträgt - ich spreche von der Konzentration auf das Misslingen,
auf die Fehler und den Mangel an Wissen und Können. Der Lehrer muss hier seine
Rolle neu definieren. Das Modewort vom Lernberater ist hier gar nicht fehl am
Platze. Immer wieder geht es auch darum, Hinweise für den Umgang mit den
Computerprogrammen zu geben; wie empirische Forschungen gezeigt haben, ist es
für ein erfolgreiches Lernen mit Computern unerlässlich, dass die Schüler
sich ihrer Fähigkeit vergewissern, die Maschinen zu beherrschen.
Eine weitere Frage ist die nach der Kommunikation im Unterricht. Niklas Luhmann
hat in seinem jüngst erschienen Werk "Die Gesellschaft der
Gesellschaft", in dem er seine soziologischen Forschungen zusammenfasst,
bemerkt, wesentlicher als der Unterschied zwischen menschlicher und maschineller
Intelligenz, von dem die Aufmerksamkeit sich allzu lange habe blenden lassen,
sei doch die Frage, "wie es sich auf die gesellschaftliche Kommunikation
auswirkt, wenn sie durch computervermitteltes Wissen beeinflusst wird."
(6) Hier scheint mir ein interessantes Feld für
Beobachtungen gerade auch im Unterricht zu sein.
Welche Forderungen ergeben sich aus dem Gesagten?
Abschließen möchte ich mit einer Reihe von Forderungen, die sich, so meine
ich, aus dem bisher Gesagten ableiten lassen.
1. a. Entscheidend ist, dass der Ausbildungsstand des Kollegiums verbessert
wird. Wer noch gar nicht mit Computern umgehen kann, dem sollte man raten, einen
VHS-Kurs zu besuchen, denn mit ein oder zwei Fortbildungsnachmittagen ist es
hier nicht getan. Aber natürlich sind Fortbildungen dringend nötig;
unterbleiben diese, so wird sich in ein paar Jahren zeigen, dass die
kostspielige Ausstattung der Schulen mit Computern eine beträchtliche
Fehlinvestition war.
b. Ein Ansatzpunkt sollte die Lehrerausbildung sein. Nur wenn in die
Referendarsausbildung in allen Fächern die pädagogisch und didaktisch
reflektierte Arbeit mit den neuen Informationsmedien integriert wird, kann sich
der Computer als Unterrichtsmedium dauerhaft etablieren.
2. Zur Ausstattung eines guten Lehrbuchs wird es künftig gehören, dass die
Lektionstexte auf Diskette oder CD-ROM mitgelifert werden. Hier sind komplexe
Übungsprogramme, die den Preis wiederum erhöhen würden, gar nicht vonnöten;
der reine Textbestand reicht aus, damit die hier skizzierte übersetungsarbeit
vonstatten gehen kann. Umgekehrt wird es immer mehr zu einem
Entscheidungskriterium für ein Schulbuch werden, ob eine digitalisierte Fassung
zum Lieferumfang gehört.
3. Von den Universitäten würde ich mir wünschen, dass man dort
kommentierte digitale Textausgaben erstellt, die dann z.B. über die
KIRKE-Seiten der Universität Erlangen oder über eine andere zentrale Stelle
erreichbar sind. Warum soll nicht ein guter Kommentar, als HTML-Dokument, also
als Dokument in der Sprache des Internet vorgelegt, als Proseminar- oder
Hauptseminararbeit anerkannt werden? Wichtig wäre hier, dass die Fachbereiche,
also die dort Unterrichtenden die Verantwortung für diese Kommentare
übernehmen, damit man sich als Lehrer auf die Ergebnisse verlassen kann.
4. Folgende überlegung sollte geprüft werden: Können sich bei der Vergabe
der Sachmittel für EDV-Anlagen die Schulträger und Schulverwaltungen nicht die
Konkurrenz zwischen den Schulen zunutze machen? Eine Schule, die in ihrem
Schulprogramm und in ihrer praktischen Arbeit beweist, dass sie, z.B. im
Lateinunterricht, die Computer auch tatsächlich einsetzt, verdient in der
Ausstattung mit Multimedia- und netzfähigen Computern bevorzugt zu werden;
allerdings muss eine Grundausstattung gewährleistet sein, allein schon damit
der vorgeschriebene Unterricht in informationstechnischer Grundbildung erteilt
werden kann.
Literatur / Anmerkungen
- GIDDENS, Anthony, Konsequenzen der Moderne. übersetzt von
Joachim Schulte, Frankfurt (Suhrkamp) 1995 (erstv. Oxford 1990)(zurück zum Text)
- PASCHEN, H.: Computerpädagogische Argumente. In:
Unterrichtswissenschaft 16 (1988), S. 44-55.
Die Debatte über die Computerbildung wird auch dargestellt von: W. Koring, http://www.tu-chemnitz.de/~koring/virtsem2/homesem.htm
und bei KLEINSCHROTH, R.: Neues Lernen mit dem Computer. Reinbek 1996.
Mehrere Aufsätze, die zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen, finden sich
in: KRAWITZ, Rudi (Hrsg.): Bildung im Haus des Lernens, Bad heilbrunn (
Verlag Julius Klinkhardt) 1997 (zurück zum Text)
- TENORTH, H.-E.: 'Alle Alles zu lehren'. Möglichkeiten
und Perspektiven Allgemeiner Bildung. Darmstadt 1994.
(zurück zum Text)
- Mike Sandbothe: Das Internet als Massenmedium. Neue
Anforderungen an Medienethik und Medienkompetenz. Online. Internet. April
1998. Erreichbar unterhttp://mus.urz.uni-magdeburg.de/~iphi/ms/massmed.html.
(zurück zum Text)
- http://members.aol.com/medicamina/oraculum.htm
Die Verfasser dieser Seiten ziehen es vor, anonym zu bleiben.
(zurück zum Text)
- LUHMANN, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft,
Frankfurt (Suhrkamp) 1997, S. 304
(zurück zum Text)
Eine Besprechung des Kongresses des Deutschen Altphilologen-Verbandes ist
angekündigt unter:
http://members.aol.com/medicamina/conc/davkon98.htm.
Als Beispiel für ein sinnvolles und auch im Unterricht online verwendbares
Projekt seien hier die Internet-Seiten über das römische Haus genannt,
erreichbar unter http://www.uni-karlsruhe.de/~za192/latein/pro_fam/haus01.htm
(Autor: Klemens Thamm)
4. Version vom 8.8.98