Literaturtheorien: Strukturalismus und Psychoanalyse
mit Beispielen aus Franz Kafkas Roman „Der Proceß“
Für Schüler der Oberstufe erläutert von T.Bechthold-Hengelhaupt
a. Strukturalismus
Der Begriff vom kommt von „Struktur“, was so viel wie
Aufbau, Schichtung bedeutet. Der S. ist von der strukturalistischen
Sprachtheorie Ferdinand de Saussures beeinflusst. Der S. sucht in
literarischen Texten vor allem nach Beziehungen zwischen
Bedeutungselementen aller Art.
Die Sprachtheorie nimmt an, dass sprachlicher Sinn sich nur über
Oppositionen (Gegensätze) verwirklicht. So kann man jede sprachliche
Einheit nur deswegen verwenden, weil sie in Opposition zu anderen
Einheiten steht, und zwar auf jeder Ebene:
lautlicher Gegensatz: Bach <=> Buch
semantischer (Sinn-) Gegensatz: Haus <=> Zelt
Für die Literatur gilt: Es können z.B. alle Einheiten des Textes, die
mit dem Bedeutungsgehalt „Kind vs. Erwachsen“ zu tun haben,
miteinander verglichen werden. Dabei wird man in einer Interpretation von
Kafkas Proceß-Roman z.B. danach fragen, wie die Opposition
jung <=> alt
(sofern der Altersunterschied eine Generation oder mehr ist) in diesem
Text gestaltet ist, wie das Verhältnis zwischen der jüngeren und der
älteren Seite jeweils aussieht und ob es Parallelen zwischen diesen
Beziehungen gibt, d.h.: Welche Ähnlichkeiten gibt es zwischen dem
Verhältnis zwischen Josef K. und seinem Onkel einerseits und dem zwischen
den verschiedenen Kindern und Josef K. andererseits?
Man beobachtet demnach also eigentlich Beziehungen zwischen
Beziehungen. Der Sinn eines Textes ist vor allem in diesen Beziehungen
enthalten, bzw. er ergibt sich durch diese Beziehungen und Oppositionen,
aber er tritt nicht sozusagen noch zum Text hinzu. Dies kann man auch an
der Sprache selbst beobachten.
Strukturalistische Verfahren im weiteren Sinne sind z.B.
Wortfelduntersuchungen; alle Fragen, die auf Verhaltensstrategien zielen,
müssen letztlich Strukturen beschreiben.
Beispiel:
Wie gehen die einzelnen Instanzen mit ihrem Wissen um? Wird Wissen
weitergegeben oder wird es „verknappt“? In diesem Sinne kann
man den Anwalt und den Maler in eine spezifische Opposition zueinander
setzen und mit diesen wiederum alle anderen Figuren und Instanzen
vergleichen, die Wissen verarbeiten und transportieren:
>> den Kaplan >> den Türhüter >> der Anwalt>>
der Maler
>> die Wächter
Auch hier wird wieder klar: Jedes dieser „Wissens-Verhältnisse“
ist ein Verhältnis zwischen Figuren, und vergleichen kann man dann nicht
die Figuren, sondern die Verhältnisse zwischen diesen Figuren, bezogen
auf das jeweilige Sinnelement.
Ein Text wird daher mit einem Geflecht verglichen. Die Beziehung zur
Realität ist nicht mehr das Wichtigste: Der künstlerische Text wird
nicht in erster Linie als Abbild der Realität gesehen, sondern als
autonomes Gebilde.
b. Psychoanalytische Literaturtheorie
Der Begründer der Psychoanalyse, der Wiener Nervenarzt Siegmund Freud
(1856-1939), nahm an, dass die menschliche Psyche von drei Instanzen
bestimmt ist:
1. Dem Ich, das alle miteinander in Konflikt stehenden Strebungen und
Einflüsse in Einklang bringen muss und das von...
2. dem Es bedrängt wird, welches das Lustprinzip repräsentiert, das ist
ein unbegrenzter Lebenswille, oder auch das Begehren. Die Instanz, die das
Ich dazu zwingen möchte, die Luststrebungen (das Es) zu begrenzen, nennt
Freud ...
3. das Über-Ich. Dieses entsteht im Laufe der Erziehung und ist die
Instanz, die die Forderungen, Normen und Verbote an das Ich richtet. Das
Über-Ich ist nicht unbedingt mit der Vernunft gleichzusetzen, denn diese
ist eines der Hilfsmittel (und, nach Freuds Ansicht ein eher schwaches),
mit denen das Ich sich gegen das Über-Ich abgrenzen kann.
Die Konflikte zwischen diesen Instanzen geschehen nun nicht bewusst und
gesteuert, sondern sie bilden die Grundlage des Gefühlslebens eines jeden
Menschen. Viele dieser Gefühle werden ins Unbewusste abgedrängt („verdrängt“),
aus verschiedenen Gründen, z.B. weil sie das Selbstbild des Menschen
stören würden.
Freud hat zwar eine Kulturtheorie entworfen und auch über Literatur
geschrieben, aber sein eigentliches Anliegen war es, Heilungsmethoden für
Menschen mit seelischen Problemen zu finden. Seine Theorie soll daher
erklären, wie es kommt, dass manche Menschen nicht über ihr eigenes
Verhalten Herr sind oder von ihren eigenen Gefühlen gequält werden.
Freund nahm an, dass seelische Störungen ihre Ursachen in der frühen
Kindheit haben.
Deshalb entwickelte er eine Theorie der frühkindlichen Entwicklung. Das
neugeborene Kind ist ganz von seinen Wünschen bestimmt. Es nimmt
zunächst noch keinen Unterschied zwischen sich und der Welt wahr. Freud
nennt dies die narzisstische Phase: Das unfertige Ich bezieht alles auf
sich selbst, es hat noch keine Liebesobjekte außerhalb seiner selbst.
Wenn es dann die Mutter als Liebesobjekt wahrnimmt, ist sein Glück
dennoch nicht vollkommen, denn es muss lernen, dass es sein Liebesobjekt
mit anderen teilt. So entsteht ein Beziehungsdreieck aus Mutter, Vater und
Kind, in dem das Kind lernt, seine Beziehungswünsche mit der Realität
abzustimmen. Wenn das Kind hier dazu gezwungen wird, seine Bedürfnisse zu
unterdrücken, dann wird es dazu neigen, diese Sichtweise der Konflikte
auf andere Personen im späteren Leben zu projizieren. Beispiel: Josef K.
unterwirft sich dem Onkel in einer ähnlichen Weise, wie sich ein Kind
seinem Vater unterwerfen würde. Eine andere Denkfigur ist die
Identifikation mit dem Aggressor. So kann man Josef K.’s Versuche
deuten, die Übergriffe vonseiten des Gerichts zu rechtfertigen.
Identifikation mit dem Aggressor bedeutet, dass ein Angegriffener –
ein kleines Kind, ein Angeklagter wie Josef K. in Kafkas Roman –
weil er weder zu fliehen noch sich zu wehren weiß, als dritte
Möglichkeit sich an den Angreifer so stark anpasst, dass er sich mit
diesem identifiziert, sozusagen den Angreifer sich einzuverleiben
versucht, damit er von ihm nicht mehr angegriffen werden kann.
Dass in derartige Schilderungen eigene Erfahrungen des Autors einfließen
(und auch verarbeitet werden), ist eine weitere These der
psychoanalytischen Literaturtheorie.
Quellen und Tipps für die Lektüre:
Anna Freud: Das Ich und die Abwehrmechanismen, Frankfurt a.M. 1984
(Erstveröff. 1936)
Matías Martinez / Michael Scheffel: Klassiker der modernen
Literaturtheorie. Von Sigmund Freund bis Judith Butler, München 2010
Jurij Michailowiè Lotman: Die Struktur des künstlerischen Textes,
hrsg. mit einem Nachwort und einem Register von Rainer Grübel, aus d.
Russischen übers. v. Rainer Grübel / Walter Kroll / Hans-Eberhard
Seidel, Frankfurt a.M. 1973 [Russ. Original Moskau 1970] |